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25.2.2026

Die neue Phase der Longevity-Forschung

Wie Wissenschaftler weltweit Altern erstmals messbar und therapeutisch prüfbar machen.

DC Studio / Freepik

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Die Forschung zum Altern befindet sich in einem bemerkenswerten Übergang. Lange stand die Frage im Mittelpunkt, warum manche Menschen deutlich länger gesund bleiben als andere. Heute rückt ein anderes Thema in den Vordergrund: Wie sich biologische Alterungsprozesse gezielt beeinflussen lassen – mit Methoden, die klinisch überprüfbar sind.

Nir Barzilai, Direktor des Institute for Aging Research am Albert Einstein College of Medicine in New York, spricht von einer “neuen Phase”, in der die Wissenschaft nicht mehr nur beobachtet, sondern systematisch prüft, wie Interventionen Alterungsmechanismen modulieren können. Diese Verschiebung verändert das gesamte Feld.

Von Beobachtung zu Intervention: Das Feld wird klinisch

In den letzten Jahrzehnten wurden die Grundlagen gelegt: epigenetische Veränderungen, Proteostase, Mitochondrienfunktion, Entzündungsprozesse und neun bzw. zwölf “Hallmarks of Aging”. Diese Kennzeichen des Alterns bezeichnen zentrale biologische Mechanismen des Alterns – darunter etwa gestörte Zellreparatur, chronische Entzündungsprozesse oder Veränderungen der Genregulation. Jetzt beginnt die Phase, in der Forscher versuchen, diese Mechanismen gezielt anzusprechen.

Barzilai betont, dass die kommenden zehn Jahre zeigen werden, welche Ansätze tatsächlich funktionieren. Biomarker wie epigenetische Uhren oder inflammatorische Signaturen sollen helfen, Effekte messbar zu machen. Diese Uhren messen chemische Veränderungen an der DNA, die sich im Laufe des Lebens ansammeln, und gelten derzeit als vielversprechender Ansatz zur Bestimmung des biologischen Alters.

Auch andere Wissenschaftler sehen diesen Wendepunkt:

  • Matt Kaeberlein, Biogerontologe und ehemaliger Leiter des “Healthy Aging and Longevity Research Institute” der University of Washington, spricht von einer Übergangsperiode, in der sich entscheidet, welche Interventionen robust sind.
  • Brian Kennedy, Professor für Biogerontologie am National University Health System in Singapur, betont, dass Ergebnisse aus Tiermodellen erst dann relevant werden, wenn sie “in Menschen konsistent, sicher und replizierbar” sind.
  • Evelyne Bischof, Ärztin für Innere Medizin und Longevity Medicine (Shanghai/Harvard), beschreibt, dass sich Longevity-Medizin zunehmend klinisch strukturiert und weg von Einzelmaßnahmen hin zu ganzheitlichen Frameworks entwickelt.

Damit verschiebt sich Longevity von einer visionären Idee hin zu einem medizinischen Feld, das nach klaren Standards sucht.

Metformin als Modellfall – nicht als Wundermittel

Barzilais Arbeit an der TAME-Studie wird oft als Beispiel genannt, wie eine potenzielle Anti-Aging-Intervention klinisch geprüft werden könnte. Entscheidend ist weniger Metformin selbst, sondern das, was daran sichtbar wird:

Es ist schwierig, Alterungsprozesse in Studien zu messen, weil keine einzelne Krankheit im Mittelpunkt steht, sondern eine Vielzahl altersassoziierter Risiken.

Weitere Stimmen ordnen dieses Problem ähnlich ein:

  • Steven Austad, Biogerontologe und ehemaliger Präsident der American Aging Association, sagt, dass “Medikamente gegen das Altern” vor allem daran scheitern, dass Altern kein einzelner Prozess ist, sondern ein Netzwerk biologischer Veränderungen.
  • David Sinclair, Professor für Genetik an der Harvard Medical School, betont, dass eine der größten Herausforderungen darin liegt, “den richtigen Endpunkt” für klinische Studien zu definieren.
  • Brian Kennedy bezeichnet Metformin als “useful prototype”, das hilft zu verstehen, wie eine Zulassung für altersmodifizierende Medikamente grundsätzlich aussehen könnte.

Metformin steht damit symbolisch für einen Strukturwandel: Die Frage lautet nicht “Hilft das eine Medikament?”, sondern Wie prüft man systematisch Ansätze, die das Altern beeinflussen sollen?

Von der Verlängerung der Lebensspanne zur Verlängerung gesunder Jahre

Ein weiterer gemeinsamer Nenner in der aktuellen Diskussion: Die Ziele werden realistischer. Barzilai spricht davon, dass es nicht um extreme Lebensverlängerung geht, sondern darum, Krankheitsphasen zu verkürzen – die sogenannte Kompression der Morbidität. Gemeint ist damit, die Zeit schwerer Erkrankungen ans Lebensende zu verschieben und die Phase funktioneller Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.

Diese Einschätzung wird von mehreren führenden Forschern geteilt:

  • Juan Carlos Izpisua Belmonte, Stammzellforscher und früherer Leiter am Salk Institute for Biological Studies, sieht den größten Fortschritt darin, dass Menschen “mit 70 ähnlich gesund sein könnten wie heutige 55-Jährige”.
  • Eric Verdin, Präsident und CEO des Buck Institute for Research on Aging, betont, dass Longevity-Forschung vor allem eine “Investition in gesunde Jahre” ist – kein Versuch, das Alter abzuschaffen.
  • Carlos López-Otín, Professor für Biochemie an der Universität Oviedo und Mitautor der “Hallmarks of Aging”, verweist darauf, dass der eigentliche Erfolg darin liegt, “den Zeitraum funktioneller Unabhängigkeit zu erweitern”.

Die praktische Konsequenz: Longevity wird greifbar und pragmatischer. Es geht um Risikosenkung, Resilienz, Regeneration und metabolische Gesundheit – aber zunehmend mit klareren wissenschaftlichen Strukturen.

Warum die nächsten zehn Jahre entscheidend werden

Barzilai und viele Kolleg:innen sehen die kommende Dekade als Prüfstein:

  • Biomarker werden präziser und erlauben bessere Messbarkeit.
  • Studienformate verändern sich, um altersbezogene Prozesse abzubilden.
  • Kliniken und Programme entstehen, die einzelne Interventionen nicht mehr isoliert anwenden, sondern in evidenzbasierte Frameworks einbetten.
  • Die Industrie – von Pharma bis Tourismus – beginnt das Feld zu professionalisieren.

Die zentrale Aufgabe bleibt jedoch wissenschaftlich: Welche Interventionen halten im klinischen Alltag, was sie im Labor versprechen?

Bis diese Evidenz entsteht, bleibt die nüchterne Einordnung entscheidend – jenseits von Trends und Heilsversprechen.

Für gesundheitsinteressierte Menschen bedeutet das vor allem eines: Die Qualität der Evidenz wird in den kommenden Jahren wichtiger sein als jede einzelne Schlagzeile.

Referenzen

Experte

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Wissenschaftliche Begriffe

Biomarker

Eine spezifische Substanz, ein physisches Merkmal, ein Gen usw., das gemessen werden kann, um das Vorhandensein oder den Fortschritt einer Krankheit anzuzeigen.

Biologisches Alter

Das biologische Alter ist das Alter der Zellen im Körper, das durch verschiedene Eigenschaften und Biomarker, die in der Forschung mit dem Altern und dem Verfall korrelieren, bestimmt wird.

Epigenetische Uhr

Eine Art DNA-Uhr, die auf der Messung des natürlichen DNA-Methylierungsniveaus beruht, um das biologische Alter eines Gewebes, eines Zelltyps oder eines Organs zu schätzen, z. B. die Horvath-Uhr.

Metformin

Ein aus der französischen Nieswurz gewonnenes Molekül, das zur Behandlung von Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes) eingesetzt wird und ein Medikament gegen Langlebigkeit sein könnte.

Zum Glossar

Die Forschung zum Altern befindet sich in einem bemerkenswerten Übergang. Lange stand die Frage im Mittelpunkt, warum manche Menschen deutlich länger gesund bleiben als andere. Heute rückt ein anderes Thema in den Vordergrund: Wie sich biologische Alterungsprozesse gezielt beeinflussen lassen – mit Methoden, die klinisch überprüfbar sind.

Nir Barzilai, Direktor des Institute for Aging Research am Albert Einstein College of Medicine in New York, spricht von einer “neuen Phase”, in der die Wissenschaft nicht mehr nur beobachtet, sondern systematisch prüft, wie Interventionen Alterungsmechanismen modulieren können. Diese Verschiebung verändert das gesamte Feld.

Von Beobachtung zu Intervention: Das Feld wird klinisch

In den letzten Jahrzehnten wurden die Grundlagen gelegt: epigenetische Veränderungen, Proteostase, Mitochondrienfunktion, Entzündungsprozesse und neun bzw. zwölf “Hallmarks of Aging”. Diese Kennzeichen des Alterns bezeichnen zentrale biologische Mechanismen des Alterns – darunter etwa gestörte Zellreparatur, chronische Entzündungsprozesse oder Veränderungen der Genregulation. Jetzt beginnt die Phase, in der Forscher versuchen, diese Mechanismen gezielt anzusprechen.

Barzilai betont, dass die kommenden zehn Jahre zeigen werden, welche Ansätze tatsächlich funktionieren. Biomarker wie epigenetische Uhren oder inflammatorische Signaturen sollen helfen, Effekte messbar zu machen. Diese Uhren messen chemische Veränderungen an der DNA, die sich im Laufe des Lebens ansammeln, und gelten derzeit als vielversprechender Ansatz zur Bestimmung des biologischen Alters.

Auch andere Wissenschaftler sehen diesen Wendepunkt:

  • Matt Kaeberlein, Biogerontologe und ehemaliger Leiter des “Healthy Aging and Longevity Research Institute” der University of Washington, spricht von einer Übergangsperiode, in der sich entscheidet, welche Interventionen robust sind.
  • Brian Kennedy, Professor für Biogerontologie am National University Health System in Singapur, betont, dass Ergebnisse aus Tiermodellen erst dann relevant werden, wenn sie “in Menschen konsistent, sicher und replizierbar” sind.
  • Evelyne Bischof, Ärztin für Innere Medizin und Longevity Medicine (Shanghai/Harvard), beschreibt, dass sich Longevity-Medizin zunehmend klinisch strukturiert und weg von Einzelmaßnahmen hin zu ganzheitlichen Frameworks entwickelt.

Damit verschiebt sich Longevity von einer visionären Idee hin zu einem medizinischen Feld, das nach klaren Standards sucht.

Metformin als Modellfall – nicht als Wundermittel

Barzilais Arbeit an der TAME-Studie wird oft als Beispiel genannt, wie eine potenzielle Anti-Aging-Intervention klinisch geprüft werden könnte. Entscheidend ist weniger Metformin selbst, sondern das, was daran sichtbar wird:

Es ist schwierig, Alterungsprozesse in Studien zu messen, weil keine einzelne Krankheit im Mittelpunkt steht, sondern eine Vielzahl altersassoziierter Risiken.

Weitere Stimmen ordnen dieses Problem ähnlich ein:

  • Steven Austad, Biogerontologe und ehemaliger Präsident der American Aging Association, sagt, dass “Medikamente gegen das Altern” vor allem daran scheitern, dass Altern kein einzelner Prozess ist, sondern ein Netzwerk biologischer Veränderungen.
  • David Sinclair, Professor für Genetik an der Harvard Medical School, betont, dass eine der größten Herausforderungen darin liegt, “den richtigen Endpunkt” für klinische Studien zu definieren.
  • Brian Kennedy bezeichnet Metformin als “useful prototype”, das hilft zu verstehen, wie eine Zulassung für altersmodifizierende Medikamente grundsätzlich aussehen könnte.

Metformin steht damit symbolisch für einen Strukturwandel: Die Frage lautet nicht “Hilft das eine Medikament?”, sondern Wie prüft man systematisch Ansätze, die das Altern beeinflussen sollen?

Von der Verlängerung der Lebensspanne zur Verlängerung gesunder Jahre

Ein weiterer gemeinsamer Nenner in der aktuellen Diskussion: Die Ziele werden realistischer. Barzilai spricht davon, dass es nicht um extreme Lebensverlängerung geht, sondern darum, Krankheitsphasen zu verkürzen – die sogenannte Kompression der Morbidität. Gemeint ist damit, die Zeit schwerer Erkrankungen ans Lebensende zu verschieben und die Phase funktioneller Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.

Diese Einschätzung wird von mehreren führenden Forschern geteilt:

  • Juan Carlos Izpisua Belmonte, Stammzellforscher und früherer Leiter am Salk Institute for Biological Studies, sieht den größten Fortschritt darin, dass Menschen “mit 70 ähnlich gesund sein könnten wie heutige 55-Jährige”.
  • Eric Verdin, Präsident und CEO des Buck Institute for Research on Aging, betont, dass Longevity-Forschung vor allem eine “Investition in gesunde Jahre” ist – kein Versuch, das Alter abzuschaffen.
  • Carlos López-Otín, Professor für Biochemie an der Universität Oviedo und Mitautor der “Hallmarks of Aging”, verweist darauf, dass der eigentliche Erfolg darin liegt, “den Zeitraum funktioneller Unabhängigkeit zu erweitern”.

Die praktische Konsequenz: Longevity wird greifbar und pragmatischer. Es geht um Risikosenkung, Resilienz, Regeneration und metabolische Gesundheit – aber zunehmend mit klareren wissenschaftlichen Strukturen.

Warum die nächsten zehn Jahre entscheidend werden

Barzilai und viele Kolleg:innen sehen die kommende Dekade als Prüfstein:

  • Biomarker werden präziser und erlauben bessere Messbarkeit.
  • Studienformate verändern sich, um altersbezogene Prozesse abzubilden.
  • Kliniken und Programme entstehen, die einzelne Interventionen nicht mehr isoliert anwenden, sondern in evidenzbasierte Frameworks einbetten.
  • Die Industrie – von Pharma bis Tourismus – beginnt das Feld zu professionalisieren.

Die zentrale Aufgabe bleibt jedoch wissenschaftlich: Welche Interventionen halten im klinischen Alltag, was sie im Labor versprechen?

Bis diese Evidenz entsteht, bleibt die nüchterne Einordnung entscheidend – jenseits von Trends und Heilsversprechen.

Für gesundheitsinteressierte Menschen bedeutet das vor allem eines: Die Qualität der Evidenz wird in den kommenden Jahren wichtiger sein als jede einzelne Schlagzeile.

Experte

Maria Enzersdorf

Dr. Christina Hakl

Referenzen

Wissenschaftliche Begriffe

Biomarker

Eine spezifische Substanz, ein physisches Merkmal, ein Gen usw., das gemessen werden kann, um das Vorhandensein oder den Fortschritt einer Krankheit anzuzeigen.

Biologisches Alter

Das biologische Alter ist das Alter der Zellen im Körper, das durch verschiedene Eigenschaften und Biomarker, die in der Forschung mit dem Altern und dem Verfall korrelieren, bestimmt wird.

Epigenetische Uhr

Eine Art DNA-Uhr, die auf der Messung des natürlichen DNA-Methylierungsniveaus beruht, um das biologische Alter eines Gewebes, eines Zelltyps oder eines Organs zu schätzen, z. B. die Horvath-Uhr.

Metformin

Ein aus der französischen Nieswurz gewonnenes Molekül, das zur Behandlung von Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes) eingesetzt wird und ein Medikament gegen Langlebigkeit sein könnte.

Zum Glossar