Science
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30.3.2026

Wie erblich ist ein langes Leben?

Eine neue Studie kommt zu einem überraschenden Ergebnis – und wirft eine alte Frage neu auf

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Worum es in diesem Artikel geht
  • Gene erklären möglicherweise rund die Hälfte davon, wie lange Menschen leben – mehr als bisher angenommen
  • Frühere Studien hatten einen wichtigen Fehler: Sie haben Unfalltote und Infektionskrankheiten nicht herausgerechnet
  • Das ändert nichts an der Bedeutung von Lebensstil – aber es verändert, wie die Alternsforschung künftig arbeiten wird
  • Was die neue Zahl bedeutet und was nicht

Wie lange jemand lebt, hängt von vielem ab: Ernährung, Bewegung, Schlaf, soziales Umfeld, Glück. Jahrzehntelang war die Wissenschaft der Meinung, dass Gene dabei eine eher kleine Rolle spielen – vielleicht 20 bis 25 Prozent. Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachjournal Science, stellt das infrage.

Warum frühere Studien zu niedrig lagen

Die bisherigen Schätzungen beruhten auf historischen Daten – aus einer Zeit, in der viele Menschen noch jung an Infektionskrankheiten, Unfallfolgen oder in Kriegen starben. Diese Todesfälle haben wenig mit der eigenen Biologie zu tun. Sie haben aber in den Daten den genetischen Einfluss auf das Altern überlagert und damit unsichtbar gemacht.

Forschende des Weizmann Institute of Science in Israel haben diesen Fehler korrigiert. Sie analysierten über 100 Jahre Daten aus dänischen und schwedischen Zwillingsregistern – und entwickelten ein mathematisches Modell, das zwischen äußeren Todesursachen und solchen, die durch biologisches Altern entstehen, unterscheidet.

Das Ergebnis: Wenn man nur die biologisch bedingten Todesfälle betrachtet, erklären Gene rund 50 Prozent der Unterschiede darin, wie alt Menschen werden. Das ist mehr als doppelt so viel wie bisher angenommen – und ähnlich hoch wie bei vielen anderen körperlichen Eigenschaften.

Was das bedeutet – und was nicht

50 Prozent klingt nach Schicksal. Das ist es nicht. Erblichkeit ist keine persönliche Prognose. Es ist eine statistische Aussage: Sie beschreibt, wie viel der Unterschiede zwischen Menschen in einer bestimmten Bevölkerung durch genetische Variation erklärt wird. Sie sagt nichts darüber aus, wie das Leben eines einzelnen Menschen verläuft.

Ein Vergleich: Körpergröße ist zu etwa 80 Prozent erblich. Trotzdem sind Menschen in Europa heute im Schnitt deutlich größer als vor 100 Jahren – weil sich Ernährung und Lebensbedingungen verbessert haben. Die Gene waren dieselben; die Umwelt hatte sich verändert.

Genauso gilt: Lebensstil, Prävention und medizinische Versorgung bleiben entscheidend. Die andere Hälfte – die nicht genetische – ist durch Verhalten und Umwelt beeinflussbar. Und weil diese Faktoren veränderbar sind, haben sie in der Praxis oft den größeren Hebel.

Warum die Studie trotzdem wichtig ist

Die Erkenntnis, dass Gene eine größere Rolle spielen als gedacht, hat vor allem Konsequenzen für die Forschung. Bislang gab es wenig Anlass, gezielt nach Genvarianten zu suchen, die das Altern beeinflussen – wenn Gene ohnehin kaum eine Rolle spielen, wozu dann?

Mit einer Erblichkeit von 50 Prozent verändert sich dieses Bild. Es lohnt sich nun stärker, die genetischen Grundlagen des Alterns zu verstehen – mit dem langfristigen Ziel, gezieltere Therapien und präventive Ansätze zu entwickeln.

Interessant ist auch ein Nebeneffekt der Studie: Zwillinge, die in späteren Jahrzehnten geboren wurden – als Infektionskrankheiten und Unfälle seltener tödlich waren – zeigten einen deutlicheren genetischen Zusammenhang mit ihrer Lebensspanne. Das bestätigt die These: Je sicherer das Umfeld, desto sichtbarer wird der genetische Einfluss auf das Altern.

Eine Einschränkung

Die Studie basiert auf historischen Daten aus Skandinavien. Ob diese Zahlen unverändert auf heutige Gesellschaften zutreffen, ist offen – neue chronische Einflüsse wie Bewegungsmangel, Luftverschmutzung oder Dauerstress könnten das Bild wieder verschieben. Die Erblichkeit von Langlebigkeit ist keine feste Zahl, sondern kontextabhängig.

Was wir wissen
  • Gene erklären rund 50 % der Unterschiede in der biologisch bedingten Lebensspanne – mehr als doppelt so viel wie bisher geschätzt
  • Frühere Studien unterschieden nicht zwischen externen und biologischen Todesursachen und haben den genetischen Einfluss dadurch systematisch unterschätzt
  • Je weniger extrinsische Sterblichkeit in einer Gesellschaft, desto deutlicher wird der genetische Einfluss auf das Altern sichtbar
  • Erblichkeit und Lebensstileinfluss schließen sich nicht aus – beides kann gleichzeitig stark sein

Was wir nicht wissen
  • Welche konkreten Gene oder Genvarianten für den Effekt verantwortlich sind
  • Ob die Zahlen auf heutige Bevölkerungen mit modernen Krankheitsprofilen übertragbar sind
  • Wie genetische Faktoren mit spezifischen Lebensstilinterventionen interagieren

Was oft überinterpretiert wird
  • „50% erblich“ bedeutet nicht, dass die Lebensspanne vorherbestimmt ist – Erblichkeit ist eine Populationsstatistik, kein individuelles Urteil
  • Die Studie wertet Lebensstil nicht ab – die nicht-genetische Hälfte bleibt durch Verhalten und Umwelt beeinflussbar
  • Die Ergebnisse gelten für historische Kohorten in Skandinavien – eine direkte Übertragung auf die Gegenwart ist nicht gesichert

Referenzen

  1. Shenhar B et al. (2026). Heritability of intrinsic human life span is about 50% when confounding factors are addressed. Science, 391(6784), 504–510. doi:10.1126/science.adz1187
  1. Bakula D, Scheibye-Knudsen M. (2026). Rethinking the heritability of aging. Science. doi:10.1126/science.aee3844

Experte

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Worum es in diesem Artikel geht
  • Gene erklären möglicherweise rund die Hälfte davon, wie lange Menschen leben – mehr als bisher angenommen
  • Frühere Studien hatten einen wichtigen Fehler: Sie haben Unfalltote und Infektionskrankheiten nicht herausgerechnet
  • Das ändert nichts an der Bedeutung von Lebensstil – aber es verändert, wie die Alternsforschung künftig arbeiten wird
  • Was die neue Zahl bedeutet und was nicht

Wie lange jemand lebt, hängt von vielem ab: Ernährung, Bewegung, Schlaf, soziales Umfeld, Glück. Jahrzehntelang war die Wissenschaft der Meinung, dass Gene dabei eine eher kleine Rolle spielen – vielleicht 20 bis 25 Prozent. Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachjournal Science, stellt das infrage.

Warum frühere Studien zu niedrig lagen

Die bisherigen Schätzungen beruhten auf historischen Daten – aus einer Zeit, in der viele Menschen noch jung an Infektionskrankheiten, Unfallfolgen oder in Kriegen starben. Diese Todesfälle haben wenig mit der eigenen Biologie zu tun. Sie haben aber in den Daten den genetischen Einfluss auf das Altern überlagert und damit unsichtbar gemacht.

Forschende des Weizmann Institute of Science in Israel haben diesen Fehler korrigiert. Sie analysierten über 100 Jahre Daten aus dänischen und schwedischen Zwillingsregistern – und entwickelten ein mathematisches Modell, das zwischen äußeren Todesursachen und solchen, die durch biologisches Altern entstehen, unterscheidet.

Das Ergebnis: Wenn man nur die biologisch bedingten Todesfälle betrachtet, erklären Gene rund 50 Prozent der Unterschiede darin, wie alt Menschen werden. Das ist mehr als doppelt so viel wie bisher angenommen – und ähnlich hoch wie bei vielen anderen körperlichen Eigenschaften.

Was das bedeutet – und was nicht

50 Prozent klingt nach Schicksal. Das ist es nicht. Erblichkeit ist keine persönliche Prognose. Es ist eine statistische Aussage: Sie beschreibt, wie viel der Unterschiede zwischen Menschen in einer bestimmten Bevölkerung durch genetische Variation erklärt wird. Sie sagt nichts darüber aus, wie das Leben eines einzelnen Menschen verläuft.

Ein Vergleich: Körpergröße ist zu etwa 80 Prozent erblich. Trotzdem sind Menschen in Europa heute im Schnitt deutlich größer als vor 100 Jahren – weil sich Ernährung und Lebensbedingungen verbessert haben. Die Gene waren dieselben; die Umwelt hatte sich verändert.

Genauso gilt: Lebensstil, Prävention und medizinische Versorgung bleiben entscheidend. Die andere Hälfte – die nicht genetische – ist durch Verhalten und Umwelt beeinflussbar. Und weil diese Faktoren veränderbar sind, haben sie in der Praxis oft den größeren Hebel.

Warum die Studie trotzdem wichtig ist

Die Erkenntnis, dass Gene eine größere Rolle spielen als gedacht, hat vor allem Konsequenzen für die Forschung. Bislang gab es wenig Anlass, gezielt nach Genvarianten zu suchen, die das Altern beeinflussen – wenn Gene ohnehin kaum eine Rolle spielen, wozu dann?

Mit einer Erblichkeit von 50 Prozent verändert sich dieses Bild. Es lohnt sich nun stärker, die genetischen Grundlagen des Alterns zu verstehen – mit dem langfristigen Ziel, gezieltere Therapien und präventive Ansätze zu entwickeln.

Interessant ist auch ein Nebeneffekt der Studie: Zwillinge, die in späteren Jahrzehnten geboren wurden – als Infektionskrankheiten und Unfälle seltener tödlich waren – zeigten einen deutlicheren genetischen Zusammenhang mit ihrer Lebensspanne. Das bestätigt die These: Je sicherer das Umfeld, desto sichtbarer wird der genetische Einfluss auf das Altern.

Eine Einschränkung

Die Studie basiert auf historischen Daten aus Skandinavien. Ob diese Zahlen unverändert auf heutige Gesellschaften zutreffen, ist offen – neue chronische Einflüsse wie Bewegungsmangel, Luftverschmutzung oder Dauerstress könnten das Bild wieder verschieben. Die Erblichkeit von Langlebigkeit ist keine feste Zahl, sondern kontextabhängig.

Was wir wissen
  • Gene erklären rund 50 % der Unterschiede in der biologisch bedingten Lebensspanne – mehr als doppelt so viel wie bisher geschätzt
  • Frühere Studien unterschieden nicht zwischen externen und biologischen Todesursachen und haben den genetischen Einfluss dadurch systematisch unterschätzt
  • Je weniger extrinsische Sterblichkeit in einer Gesellschaft, desto deutlicher wird der genetische Einfluss auf das Altern sichtbar
  • Erblichkeit und Lebensstileinfluss schließen sich nicht aus – beides kann gleichzeitig stark sein

Was wir nicht wissen
  • Welche konkreten Gene oder Genvarianten für den Effekt verantwortlich sind
  • Ob die Zahlen auf heutige Bevölkerungen mit modernen Krankheitsprofilen übertragbar sind
  • Wie genetische Faktoren mit spezifischen Lebensstilinterventionen interagieren

Was oft überinterpretiert wird
  • „50% erblich“ bedeutet nicht, dass die Lebensspanne vorherbestimmt ist – Erblichkeit ist eine Populationsstatistik, kein individuelles Urteil
  • Die Studie wertet Lebensstil nicht ab – die nicht-genetische Hälfte bleibt durch Verhalten und Umwelt beeinflussbar
  • Die Ergebnisse gelten für historische Kohorten in Skandinavien – eine direkte Übertragung auf die Gegenwart ist nicht gesichert

Experte

Basel

Dr. Manuel Puntschuh

Referenzen

  1. Shenhar B et al. (2026). Heritability of intrinsic human life span is about 50% when confounding factors are addressed. Science, 391(6784), 504–510. doi:10.1126/science.adz1187
  1. Bakula D, Scheibye-Knudsen M. (2026). Rethinking the heritability of aging. Science. doi:10.1126/science.aee3844

Wissenschaftliche Begriffe

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